Wie war das jetzt eigentlich gemeint? - Konflikte am Arbeitsplatz

Kennen Sie das? Sie haben ein Gespräch mit einem Vorgesetzten oder Kollegen über eines Ihrer Projekte, gehen wieder zurück in Ihr Büro und rekapitulieren das Gespräch. Dann fällt Ihnen ein Kommentar, eine Bemerkung ein, über die Sie sich eigentlich ärgern oder für die Sie sich sogar kritisiert fühlen. Und Sie beginnen zu überlegen: " Wie war das jetzt eigentlich gemeint?"

Streit am Arbeitsplatz-drehen Sie sich den Rücken zu oder gehen Sie künftig gemeinsam in eine Richtung?

Ziemlich aufgebracht kam am letzten Montag mein Kunde Herr S. zum Coaching. Er hatte das Wochenende am Schreibtisch verbracht, um einen dringenden Bericht fertigzustellen, Kalkulationen neu berechnet, etliche Grafiken erstellt, Befragungsergebnisse zusammengefasst. Seine Frau war sauer, da er das ganze Wochenende keine Zeit für die Familie hatte, er hatte die Nacht zum Tag gemacht, lange gearbeitet und war schließlich sehr erschöpft morgens ins Büro gekommen.

Und gleich um neun kam der Chef zur Tür herein, griff sich den Bericht mit einem „Wurde aber auch Zeit!“ und eilte zum nächsten Termin.

Herr S. war enttäuscht und auch wütend. Er hatte ein Dankeschön erwartet, wollte seinem Chef eigentlich noch einiges in Ruhe zu dem erstellten Bericht erklären und hatte nicht mit einem solchen Kommentar gerechnet, den auch noch etliche Kollegen mitbekamen.

Wir überlegen gemeinsam, wie er die Situation klären kann und wie er den Kommentar des Chefs auffassen soll.

Hilfreich ist es hier, sich erst einmal klar zu machen, dass wir alle mit „verschiedenen Ohren“ hören:

  • Mit dem „Sachohr“ nehmen wir die Sachebene einer Botschaft wahr. Der Chef teilte also mit, dass er den Bericht jetzt benötige. Da Herr S. ihn fertiggestellt hatte, könnte nun eigentlich alles in Ordnung sein.
  • Allerdings gibt es da auch noch das „Beziehungsohr“- wir hören in einer Aussage oft auch eine Bewertung unserer Person. Und so nimmt Herr S. den Satz seines Chefs persönlich, er fühlt sich angegriffen und kritisiert.
  • Leichter wäre es vielleicht, Herr S. könnte die Botschaft mit seinem „Selbstoffenbarungsohr“ hören und feststellen, was sein Chef mit diesem Satz über sich selbst preisgibt. Vielleicht war er in Sorge und nervös, denn zum angesetzten Termin hatte sich überraschend sein Vorgesetzter angekündigt, und das letzte gemeinsame Meeting war nicht sehr erfolgreich verlaufen?
  • Und dann gibt es schließlich noch das „Apellohr“, das den Zuhörer dazu bringt, das Gehörte als Aufforderung zu verstehen. So überlegte auch Herr S. seit heute Morgen, das nächste Mal noch schneller zu arbeiten, früher zu beginnen…

Je nachdem, wie unsere Persönlichkeit gestrickt ist, hören wir mit diesen verschiedenen Ohren ganz unterschiedlich. Und es spielt auch eine Rolle, ob wir gerade gut gelaunt, entspannt, gestresst oder unsicher sind.

„Könnte es denn sein, dass Ihr Chef sogar richtig erleichtert und froh war, dass Sie den Bericht rechtzeitig lieferten, und das Ganze war so eine Art hektischer Stoßseufzer?“ frage ich Herrn S. Er muss schmunzeln – und wir besprechen, beim nächsten Termin zu überlegen, wie er die Situation noch einmal aufgreifen kann.

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