Mini-Serie Teil 2

Berufliche Neuorientierung im Coaching: Wie aus Unzufriedenheit ein nächster Schritt wird

Sabine hat sich auf ihr Coaching vorbereitet: Sie hat ihre Stärken gesammelt, Erfolge betrachtet und erste Fragen zu ihrer beruflichen Zukunft gestellt. Im zweiten Teil der Mini-Serie geht es nun darum, was im Coaching konkret passiert. Sabine erkennt, welche Werte ihr wichtig sind, welche Stärken in ihrer aktuellen Rolle zu wenig Raum bekommen und warum ein sofortiger Jobwechsel nicht die einzige Lösung sein muss. Am Ende steht kein fertiger Lebensplan, sondern ein erster machbarer Schritt: ein gut vorbereitetes Gespräch über ihre berufliche Entwicklung.
Eine Frau sitzt in einem Büro am Besprechungstisch und macht sich Notizen. Im Hintergrund ist ein Flipchart mit Coaching-Fragen zu sehen.

Sabine bringt schon einige Erkenntnisse mit ins Coaching. Sie hat sich mit ihren Stärken, ihren bisherigen Erfolgen und ihrem Lebenslauf beschäftigt. Sie hat erste Muster erkannt und gespürt, dass die Frage nach ihrer beruflichen Zukunft nicht mehr nebenbei beantwortet werden kann.

In diesem zweiten Teil der Mini-Serie nehme ich dich mit in den Coachingtag selbst. Es geht darum, wie aus vielen Gedanken ein klareres Bild entsteht. Welche Stärken für Sabine heute besonders wichtig sind, welche Werte ihre Entscheidungen beeinflussen und welcher erste konkrete Schritt für sie daraus folgt.

Denn berufliche Neuorientierung bedeutet nicht immer, sofort alles zu verändern. Manchmal beginnt sie damit, genauer zu unterscheiden: Was passt noch? Was passt nicht mehr? Und wo gibt es Handlungsspielraum, den man im Alltag gar nicht mehr sieht?

Ein voller Terminkalender ist noch kein erfülltes Leben

Zu Beginn des Coachings betrachten wir einen Satz von Kurt Tucholsky:

„Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben.“

Dieser Satz springt Sabine sofort ins Auge. Ihr Kalender ist voll und die Aufgaben wichtig. Vieles davon kann sie gut, und einiges davon macht sie auch gern. Trotzdem spürt sie, dass Geschäftigkeit und Erfüllung für sie nicht dasselbe sind.

Deshalb klären wir zu Beginn des Tages zuerst, woran wir am Ende merken würden, dass das Coaching für sie hilfreich war. Sabine möchte nicht nur allgemein über Veränderung sprechen. Sie möchte konkrete Ergebnisse mitnehmen.

Wir formulieren drei Ziele für den gemeinsamen Tag:

Sie möchte herausfinden, ob sie ihren aktuellen Job oder vielleicht sogar den Arbeitgeber wechseln will. Sie möchte erste Ideen entwickeln, welche Aufgaben oder beruflichen Rollen besser zu ihr passen könnten. Und sie möchte am Ende einen nächsten Schritt kennen, den sie wirklich umsetzen kann.

Diese Klärung ist wichtig. Sie gibt dem Coaching eine Richtung, ohne die Antwort vorwegzunehmen.

Was bedeutet für dich ein erfülltes Leben?

Im nächsten Schritt schauen wir auf eine größere Frage: Was macht für Sabine ein erfülltes Leben aus?

Dazu arbeiten wir mit mehreren Reflexionsfragen:

Was wäre für dich ein leeres Leben? 
Woran merkst du echte Erfüllung? 
Welche Momente fühlen sich wirklich lebendig an? 
Wann fühlst du dich ganz bei dir selbst?

Sabines Antworten sind klarer, als sie zunächst erwartet. Ein leeres Leben wäre für sie ein Leben, in dem jeder Tag gleich aussieht, in dem sie nichts Neues lernt und keine Entwicklung mehr spürt. Erfüllung entsteht für sie dort, wo sie lernen, gestalten und mit Menschen in Kontakt sein kann.

Ein besonders lebendiges Bild taucht auf, als sie von ihrem Musikverein erzählt. Dort spielt sie die Solotrompete. Sie ist Teil des Orchesters, verbunden mit den anderen, und hat gleichzeitig eine eigene Rolle. Dieses Bild wird im Coaching wichtig, weil es viel über Sabines berufliche Sehnsucht erzählt: Sie möchte eingebunden sein, aber nicht beliebig. Sie möchte Verantwortung übernehmen, aber nicht nur funktionieren. Sie möchte ihren Beitrag leisten und dabei spüren, dass ihre Rolle zu ihr passt.


In Teil 1 dieser Mini-Serie findest du ein Arbeitsblatt mit ähnlichen Reflexionsfragen. Du kannst es direkt ausfüllen und für deine eigene Orientierung nutzen.

5 Reflexionsfragen (Download-PDF)

Zum Blogartikel über Sabines Vorbereitung auf ihr Coaching geht es hier:

Berufliche Neuorientierung: Wenn weitermachen nicht mehr stimmig ist



Stärken, die im Alltag selbstverständlich geworden sind

Sabine hatte im Vorfeld eine Liste mit 30 persönlichen Stärken erstellt. Diese Sammlung nutzen wir im Coaching als Grundlage. Wir schauen darauf, welche Stärken in ihrem Leben immer wieder sichtbar werden.

Was hat ihr geholfen, schwierige Situationen zu meistern? Welche Stärken nutzt sie selbstverständlich, ohne sie noch als besondere Qualität wahrzunehmen? Welche geben ihr Energie, wenn sie wirklich eingesetzt werden?


Wenn du selbst gerade an einem Übergang stehst, kann dir dieses Arbeitsblatt ebenfalls helfen. Du kannst damit in Ruhe prüfen, welche Stärken und Erfolge du wieder bewusster nutzen möchtest, was dich im Moment beschäftigt und welche Richtung sich für deinen nächsten Schritt abzeichnet.

30 Stärken - 30 Erfolge - 30 Lebensdinge (Download-PDF)


Aus der Sammlung kristallisieren sich drei Stärken heraus, die für Sabines berufliche Zukunft besonders relevant sind. Sie zeigen, dass Sabine nicht nur analytisch denkt und strukturiert arbeitet, sondern auch ein feines Gespür für Menschen, Rollen und Zusammenhänge hat.

Diese Erkenntnis verändert den Blick auf ihre aktuelle Situation. Es geht nicht darum, ihre bisherige Arbeit abzuwerten. Im Gegenteil: Sabine erkennt, dass viele ihrer Fähigkeiten dort gewachsen sind. Gleichzeitig sieht sie deutlicher, dass manche Stärken in ihrer jetzigen Rolle zu wenig Raum bekommen.

Erfolge zeigen, was wirklich Bedeutung hatte

Anschließend betrachten wir Sabines bisherige Erfolge. Dabei interessiert mich weniger, welche Erfolge von außen besonders groß wirken. Entscheidend ist, welche Erfahrungen für Sabine selbst bedeutsam waren.

Welche Aufgaben haben sie wachsen lassen? Wo war sie besonders wirksam? Welche Situationen haben ihr Energie gegeben? Und welche Erfolge erzählen etwas darüber, was ihr heute wichtig ist?

Sabine erkennt, dass sie immer dann besonders zufrieden war, wenn sie etwas lernen, Zusammenhänge verstehen und Menschen unterstützen konnte. Sie mag Zahlen, Strukturen und analytisches Arbeiten. Gleichzeitig merkt sie, dass ihr der reine Blick auf Prozesse und Ergebnisse nicht mehr reicht.

Daraus entsteht ein wichtiger Hinweis: Ihr bisheriger Beruf ist nicht falsch. Aber die Ausrichtung, in der sie ihre Kompetenzen einsetzen möchte, soll sich verändern.

3 Flipcharts mit Fragen aus dem Coaching

Diese Flipcharts haben wir im Coaching unter anderem genutzt: Was ist ein erfülltes, was ein leeres Leben? Was gibt dir Energie? Welche Werte haben für dich Bedeutung?

Werte als Entscheidungshilfe

Im weiteren Verlauf schauen wir auf Sabines Werte. Zunächst wählt sie eine größere Anzahl von Werten aus, die für ihr Leben wichtig sind. Danach verdichten wir diese Sammlung und arbeiten heraus, welche acht bis zehn Kernwerte ihr Handeln besonders prägen.

Anschließend ordnen wir ihre Werte den Motivfeldern des Motivkompasses zu. Dadurch wird sichtbar, welche grundlegenden Bedürfnisse hinter ihren Werten stehen und welche Motive ihre Entscheidungen besonders beeinflussen.

Für Sabine wird dabei deutlich: Entwicklung ist für sie kein nettes Extra. Sie braucht das Gefühl, dazuzulernen und sich weiterzubewegen. Auch der Kontakt zu Menschen spielt eine größere Rolle, als sie lange angenommen hat. Sie möchte mit Menschen umgehen, Zusammenhänge verstehen und ihre Selbstfürsorge stärker einbringen.

Diese Erkenntnisse helfen ihr, berufliche Möglichkeiten anders zu bewerten. Eine Aufgabe kann fachlich passend sein und sich trotzdem leer anfühlen, wenn wichtige Werte darin keinen Raum bekommen. Umgekehrt kann eine neue Richtung attraktiv werden, wenn sie mehrere ihrer Werte miteinander verbindet.


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Der Lebenslauf zeigt mehr als Stationen

Danach nehmen wir Sabines Lebenslauf noch einmal genauer in den Blick. Nicht als Bewerbungsdokument, sondern als persönliche Landkarte.

Wir schauen auf Phasen, in denen es ihr gut ging, und auf Zeiten, die sich schwer angefühlt haben. Wir betrachten Entscheidungen, Wendepunkte und wiederkehrende Muster.

Sabine hatte zunächst Physik studiert, weil sie in der Schule gut darin war. Später wechselte sie zur Betriebswirtschaft, weil ihr das Physikstudium zu starr erschien. Danach arbeitete sie lange als Controllerin. Diese Stationen zeigen ihre analytische Stärke, ihre Verlässlichkeit und ihre Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen.

Gleichzeitig wird sichtbar, dass Sabine heute mehr möchte als reine Zahlenarbeit. Sie interessiert sich für Menschen, Entwicklung und die Frage, wie Arbeit im Unternehmen gestaltet wird. Besonders reizvoll erscheint ihr die Richtung Personal-Controlling. Dort könnte sie ihre analytischen Fähigkeiten mit einem stärkeren Bezug zu Menschen, Organisation und Entwicklung verbinden.

Damit wird ein erster realistischer Weg sichtbar: Sabine muss nicht sofort alles abbrechen. Ein möglicher nächster Schritt kann auch innerhalb ihres Unternehmens liegen.

Was am aktuellen Job noch passt und was nicht 

Im Coaching wird deutlich, dass Sabine ihre aktuelle Arbeit nicht grundsätzlich ablehnt. Viele Aufgaben gefallen ihr. Sie kann viel, sie kennt die Abläufe, sie weiß, wie sie wirksam wird.

Was nicht mehr gut passt, sind einige Rahmenbedingungen. Sabine möchte mehr lernen. Sie möchte Entwicklung spüren. Sie möchte mit ihrer Führungskraft besprechen, dass sie momentan nicht zufrieden ist, ohne vorschnell eine Kündigung oder einen radikalen Wechsel in den Raum zu stellen.

Damit wird das Gespräch mit ihrer Führungskraft zu einem wichtigen nächsten Schritt. Im Coaching bereiten wir vor, wie sie ihre Situation klar, sachlich und konstruktiv formulieren kann.

Dabei geht es um Fragen wie:

Wie kann Sabine sagen, dass sie Veränderung braucht, ohne vorwurfsvoll zu klingen? Wie beschreibt sie ihre Interessen und Stärken so, dass daraus ein konkretes Gespräch über Entwicklungsmöglichkeiten entsteht? Welche Vorschläge kann sie selbst einbringen, damit das Gespräch nicht nur bei Unzufriedenheit stehen bleibt?

Ein möglicher Ansatz ist, dass Sabine ihr Interesse am Personal-Controlling anspricht. Sie könnte darum bitten, sich mit neuen Aufgaben in diesem Bereich zu beschäftigen, in der passenden Abteilung zu hospitieren oder erste Schnittstellenthemen zu übernehmen.

Kompetenzen neu ausrichten

Neben dem Gespräch mit der Führungskraft entstehen weitere Empfehlungen. Sabine kann beginnen, ihre Kompetenzen gezielt in Richtung Personal, Kommunikation und Organisationsentwicklung zu erweitern.

Dazu gehören passende Lektüre und Kurse zu Themen wie HR, Arbeitsrecht und Kommunikation. Auch Coaching und Mediation interessieren sie. Nicht zwingend als sofortiger Berufswechsel, aber als Feld, in das sie hineinschnuppern möchte. Diese Themen könnten auch im Unternehmen eine wichtige Rolle spielen.

Mit diesen Überlegungen wird Sabines nächster Schritt greifbarer. Es geht nicht um eine fertige neue Berufsbezeichnung, die sofort passen muss. Wichtiger ist, eine Richtung zu prüfen, Erfahrungen zu sammeln und die eigene Kompetenz Schritt für Schritt neu auszurichten.

Der nächste Schritt muss nicht der endgültige sein

Am Ende des Coachings steht keine dramatische Entscheidung. Sabine verlässt den Tag nicht mit einem fertigen Lebensplan. Aber sie hat deutlich mehr Klarheit.

Sie weiß, dass vieles an ihrem aktuellen Job noch passt. Sie erkennt gleichzeitig, dass Lernen, Entwicklung und der Umgang mit Menschen für ihre berufliche Zufriedenheit zentral sind. Sie sieht eine mögliche Richtung im Personal-Controlling und möchte prüfen, ob sich diese Entwicklung im bestehenden Unternehmen öffnen lässt.

Ihr erster konkreter Schritt ist deshalb das Gespräch mit ihrer Führungskraft. Dieses Gespräch soll klären, welche Entwicklungsmöglichkeiten es intern gibt und ob Sabine ihre Aufgaben stärker in Richtung Personal, Organisation und Kommunikation erweitern kann.

Parallel kann sie beginnen, sich fachlich weiterzubilden und in angrenzende Themenfelder hineinzudenken.

Vielleicht liegt Sabines nächster Weg im alten Unternehmen. Vielleicht führt er später in ein anderes Umfeld. Vielleicht entsteht daraus irgendwann eine deutlich größere Veränderung. Für den Moment ist entscheidend, dass sie wieder handlungsfähig wird.


Berufliche Neuorientierung beginnt selten mit der perfekten Antwort. Häufig beginnt sie mit einem ehrlichen Blick auf das, was noch stimmt, und auf das, was nicht mehr reicht. Wenn du auch nicht gleich die perfekte Antwort hast, schreibe mir gern und wir erarbeiten gemeinsam deine nächsten machbaren Schritte.

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